Das bittere Erwachen

Warum fahren wir auswärts? Vielleicht sind es Gegner wie Arminia Bielefeld. Vor dem Spiel denke ich mir so: „Na klar, Ex-Bundesligaverein, trotzdem schlagbar, nettes Stadion.“ Direkt braucht es keine anderen Gründe mehr, die Fahrt zu versagen und sei es nur die Aussicht auf ein ungewisses Ende. Das muss ich in Kauf nehmen.

Ohne Werner ins Ungewisse

Die Alm. Mittlerweile auch versponsert.

Wie schon zwei Wochen zuvor ging es im Bus gen Spiel. Die Freude über die Rückkehr von Busfahrer-Gott Werner Z. erfuhr bei Hasborn ein jähes Ende. Die strengen Lenkzeitenbestimmungen führten zum ersten Fahrwechsel, Burgard übernahm, der schon einigen Mitfahren von früheren Touren bekannt war. Warum, das sollte ich später sehen. Die bekannte Strecke Richtung NRW ging mit kurzen Staus und Rast an hilflos überteuerten Raststätten voran. Die Leverkusener BayArena streifte ebenso den Weg wie Burgard mit unserem Bus fast die Leitplanken, als er mit einem „krassen Move“ so eben noch eine Ausfahrt mitnahm. In anderen Worten: Gerade noch mal gutgegangen.

Nach einer letzten großen Rast und dem Passieren der „Tönnies-Arena„, die von einigen gerade noch so als Fußballstadion identifiziert werden konnte, während andere es für einen Teil der angrenzenden Fleischfabrik (oder einen Tennisplatz) hielten, näherte sich unser Vehikel der Bielefelder Alm. Der Bus passierte Fankneipen mit Namen wie „Die Zwiebel“, die schon von lethargisch anmutenden Fans der Heimmannschaft bevölkert wurden. Anders als in anderen Städten war der durchschnittliche Bielefelder nicht an Pöbeleien interessiert und schien auch sonst recht wenig Gemütsregung zu zeigen. Zu diesem Zeitpunkt jedenfalls noch.

Unterschenkelerotik

Bielefeld – hier wachen Schrebergärtner über die Ordnung im Gästeblock

Am Stadion angekommen wurden wir Zeuge der bislang gründlichsten, wenngleich dämlichen Durchsuchung seitens der Bielefelder „Stewards“ (früher hießen die hier mal ‚Ordner‘). Zuerst wurden an einem ersten Kontrollpunkt alle Fahnen durchsucht, danach sollte ein Fußmarsch zur zweiten Großdurchsuchung folgen. Hier ließen es sich die männlichen Ordner nicht nehmen, selbst Leuten mit kurzen Hosen die nackten Unterschenkel abzutasten. Da mussten selbst die Ordner beschämt dreinblicken, als sie sich dieser überflüssigen Handgriffe bewusst wurden. Was keinen davon abhielt, weiter kräftig nackte Waden zu massieren. Drinnen durfte sich der versammelte Anhang mit sozialen Preisen am Essensstand (Frikadelle 2,50 Euro, Brezel 2,50 Euro) trösten. Unter argwöhnischer Beobachtung angrenzender Schrebergärtner mit offenkundigen Sympathien für die Arminia.

Rein ging es dann schon in die Partie. Bei den Hausherren von Arminia Bielefeld bekam Ex-Saarbrücker Manuel Hornig nach überstandener Verletzung wieder das Vertrauen seines Trainers geschenkt, während beim FCS zum Teil sehr überraschende Änderungen zu Papier standen. In die Viererkette rückte Adam Straith, Tim Kruse übernahm dafür den Platz von Christian Eggert im Defensiven Mittelfeld. Und der? Saß überraschend auf der Bank. Dagegen schon fast erwartet war der Wechsel im Sturm. Marcel Sökler übernahm die Angriffsspitze, Markus Hayer ging ins Mittelfeld. Lukas Kohler flog aus der Startelf.

Die Anfangsphase begann mit sehr konzentriert und souverän auftretenden Saarbrückern, die aber noch keine zwingenden Chancen erspielten. Die einzige Chance für Bielefeld gab es nach einer Standardsituation, die zu einem sehenswerten Fallrückzieher des Ex-Offenbachers Pascal Testroet führte. Der FCS bekam kurz darauf nach einem deutlichen Foul an Hayer einen Foulelfmeter zugesprochen und verwandelte durch Ufuk Özbek zum 1:0. Keine fünf Minuten später fing sich Jürgen Lugingers Elf dann aber schon den Ausgleich. Sebastian Hille kam nach einem schnellen Passspiel bis vor den Strafraum, wurde von drei Abwehrspielern umzingelt und konnte den Ball zum freigelaufenen Fabian Klos legen, der ausglich.

Dem Gegenspieler die freie Gasse gezeigt

Die Alm in voller Pracht

Und als wäre das nicht genug gewesen kam es wieder etwa fünf Minuten später zu einem Fehlpass von Kevin Maek, der fast eine Kopie des Ausgleiches heraufbeschwor. Diesmal war Pascal Testroet vor den Strafraum gekommen, wurde von Straith und Marc Lerandy bereits gestellt. FCS-Kapitän Lerandy wollte per Handzeig noch seinen Kollegen signalisieren, dass der freie Passweg zu Fabian Klos zu blockieren sei – und statt dass er diesen Job selbst übernahm, nahm Testroet den Fingerzeig dankend an, legte auf Klos und der durfte sein zweites Saisontor feiern. An der Stelle muss man sich fragen, in wie weit sich die Umstellungen in der Abwehr gelohnt hatten.

Nach der Pause überlegte sich Jürgen Luginger einige Umstellungen, sodass er irgendwann Eggert brachte und den Unglücksraben Maek herausnahm. Marcel Sökler wurde für Felix Dausend ausgetauscht. Der FCS wurde nun stärker und baute Druck auf die Arminia-Defensive auf. Erneut ließ er aber gerade in der Abwehrarbeit die Konzentration der ersten beiden Spiele vermissen und ließ sich oft weit zurückdrängen. Die Umbesetzung in der Innenverteidigung schien sich nicht auszuzahlen, da viel zu oft teilweise bis zu drei Verteidiger auf einem Haufen zusammengedrückt schienen. Da Bielefeld hierzu nicht wirklich viele Mittel aufwendete, erscheint es geradezu rätselhaft, wie die FCS-Abwehr dies nicht in den Griff bekam. Im eigenen Aufbauspiel ließ man sich hingegen sehr früh auf die Flügel abdrängen. Was nach der Herausnahme des kopfballstarken Manuel Hornig auf einmal zum Vorteil geriet.

Die letzte Spielminute. Der Block ist auf einmal unbändig laut geworden, Bielefeld zitterte angespannt. Freistoß vor dem Arminen-Tor. Sven Sökler schoss die Mauer an, der Ball flog knapp am Tor zur Ecke vorbei. Die Ecke von rechts wurde reingetreten, Tim Kruse stieg hoch, das Netz zappelte – kollektives Ausrasten zum 2:2-Ausgleich.

Die wirklich letzte Spielminute. Standard für Arminia – jubeltaumelnde, überglückliche, auf einmal angespannte Saarbrücker. Der Ball wurd abgewehrt, aber zu kurz. Tim Jerat stocherte den Ball zu Fabian Klos, die Saarbrücker Verteidigung stand wie angewurzelt – kein Versuch der Abseitsfalle, kein Versuch eines Angriffs auf den ballführenden Spieler – und sah zu, wie Klos sich drehte und den Ball eindrosch. Wir wachten bitter aus unseren Träumen auf.

Geschlagen erlebten wir den Rest der Rückfahrt als Routine, das was wir immer machen. Bobbes zettelte einen Dreikampf in mathematischen Fragen an. Noch nie habe ich drei Menschen so laut und passioniert über Mathematik streiten hören. Wie betäubt lagen einige herum, suchen Schlaf oder das Dummgeschwätz. An der Raststätte argumentierten einige Mitfahrer noch, wie fair doch der Preis von 14,99 Euro für ein Rumpsteak mit Soße sei. Angesichts der Vermutung, dass dieses unselige Stück Fleisch schon seit Beginn des Tages im Schaufenster hockt, ließ ich das nicht im Raume stehen. Egal welches Gespräch als nächstes kam – insgeheim wussten wir alle, dass es nach solchen bitteren Spielen nur noch Verdrängung braucht. Um 4:00 Uhr kamen wir mit der Gewissheit wieder zu Hause an, dass dies alles kein böser Traum war – sondern nüchtern betrachtet eine Auswärtsfahrt wie immer.

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Eine Antwort zu Das bittere Erwachen

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