Zeit zum Lesen

Der Sommer kann sich im Wetter niederschlagen, wie er will. Es kann regnen, die Sonne scheinen oder halt in sonstigen Zwischenzuständen sommerlichen Saarlandwetters auftreten. Der Sommer ist für mich vor allem die Zeit, in denen ich nach Monaten der Lektüre wissenschaftlicher Artikel und sonstiger Werke für das Studium endlich mal ein großer Zeitraum gekommen ist, andere Dinge zu lesen. Das mache ich zwar auch das ganze Jahr über. Das Problem ist allerdings eher die eigene Diszipliniertheit, sich auch regelmäßig Zeit zu nehmen, um die Seiten fliegen zu lassen und Bücher/Zeitschriften auch zuende zu bringen.

Bedingt meiner Arbeit am FCSBlog und – klar, wer fußballinteressiert ist, kann auch privat selten abschalten – wird dann zuerst einmal nachgearbeitet. Das bei vielen ehemaligen Erasmus-Studenten auftretende „PES“, auch Post-Erasmus-Syndrom genannt, und eine abstruse Mischung aus Heim- und Fernweh ist, wurde also zuerst damit bekämpft, dass ich mich mit dem neuen Fanzine aus der Saarbrücker Fanszene vertraut gemacht habe. Richtig gehört, neben dem Leuchtturm, der von mir mitgegründet wurde, gibt es derzeit ein weiteres Heft, das mitten aus der FCS-Fanszene stammt und „Saarboteur“ heißt.
Hinter dem Magazin stecken einige Gesichter aus Reihen der Virage Est, die ihre Begeisterung für das Groundhopping in Worte fassen. Das spricht ein anderes Klientel als unser Leuchtturm an, ist für mich aber nicht weniger interessant, da die abstrusen Ereignisse in internationalen Stadien unterhaltsames Schmökern versprechen. Das Groundhopping, mit all seinen Höhen und Tiefen, wird sehr anschaulich beschrieben. Es mag sich zwar eine gewisse Routine einstellen, da ja vor allem Ort und Aussehen der Stadien variieren. Das eigentliche, nämlich der Fußball, bleibt bekanntlich immer gleich. Und ist in Luxemburg anscheinend nicht einmal auf saarländischem Verbandsliganiveau anzusiedeln.

Ein Buch zum Thema Fußball, was mich zuletzt sehr fasziniert hat, war „Unser Mann in London“ von Moritz Volz. Vor schriftstellernden Fußballern nehme ich mich eigentlich sehr in Acht. Seit Toni Schumachers „Anpfiff“ scheint die maximale Selbstentzauberung des Fußballbusiness da und unübertroffen. Das musste auch Philipp Lahm kürzlich erfahren. Herrlich erfrischend ist dagegen das Buch von „Volzy“, der mit 16 Jahren den damals ungewöhnlichen Weg eines Jugendspielers nach England ging. Es geht dem aktuell bei 1860 München beschäftigten Verteidiger nicht darum, eine Branche zu entzaubern, sondern eher darum, Alltagsbeobachtung über das Leben in England anzustellen. Er müsste selbst nicht einmal Fußballer sein, um dabei in seinem Buch darauf großartig einzugehen, so sehr ist der Sport auf der Insel verwurzelt. Dass dabei das beste Fußballbuch seit Nick Hornbys „Fever Pitch“ herauskam, ist ein schöner Nebeneffekt. Eine ausführliche Rezension gibt es bei Fußball, Soccer, Calcio & Co.

Bleibt da noch die Grundlagenlektüre: Da die „11 Freunde“ ja nun auf den Zug der Fußballsonderhefte gesprungen ist und sich hier noch seinen witzig-ironischen Unterton bewahrt, gehört die Sommerausgabe zu den Pflichtkäufen, da zum Glück der Anteil an EM-Berichterstattung oder zu mehrheitstauglichen Reportagen doch ein wenig geringer als sonst liegt. Dafür wird aber auch immer schwer am 1. FC Saarbrücken gespart.
Das „Blickfang Ultra“ schafft es immerhin aufgrund exotischer Reportagen und sehr vielen Blicken über den Tellerrand immer wieder gerne in meine Hände. Hier fühle ich mich noch wirklich weitergebildet, wenn die Reise in die Fanszenen von Korsika, Malta oder Indonesien geht. Erschreckend austauschbar und manchmal geradezu langweilig erscheinen die „Gruppenvorstellungen“. Man nehme austauschbare Floskeln aus dem Ultra-Vokabular, ändere Fahnen, Farben und Namen und erhält quasi einen unaufbrauchbaren Fundus an Vorstellungstexten. Auch fehlt gerade in der aktuellen Ausgabe sicher eine differenzierte Auseinandersetzung mit den Themen Pyrotechnik und Sicherheitsdiskussion in der Öffentlichkeit. Schade.

Zuletzt bleibt noch die Kurvenlage, mit der ich zum Abschluss wieder nach Saarbrücken zurückkehre. Die Auftaktausgabe, die sich äußerlich fast schon in Richtung des Leuchtturm bewegt, ist routiniert, hätte aber sicher auch ein paar längere Texte und Debattenbeiträge vertragen können. Das kommt aber sicher noch. Ich hab nun wieder Zeit und gehe erst einmal Lesen – diesmal aber einen Krimi. Ohne Fußball.

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