Nächste Abfahrt Degerloch

Als fleißiger Auswärtsfahrer war ich, das muss ich zu meiner eigenen Schande hier mal sagen, nie bekannt. Nach einem Auslandsjahr und der letzten Auswärtstour nach Koblenz (ja, die spielten mal 3. Liga) muss dann sogar ein Auftaktsspiel beim VfB Stuttgart II als Triebbefriedigung herhalten. Wobei ich dann ja eigentlich masochistisch veranlagt sein müsste.

Am Morgen ging es von Saarlouis über Saarbrücken mit dem Bus los. Der Bus, ein sehr bequemes und von mir gemochtes Transportmittel, war recht ansehnlich mit bekannten Gesichtern aus der Virage Est und der Leuchtturm-Redaktion gefüllt, am Lenkrad die Busfahrerlegende Werner. Das ließ meine Laune schlagartig in die Höhe schießen, nicht zuletzt weil ich schon einmal die Fahrkünste dieses Busveteranen in Anspruch nehmen durfte. „Do hamma schunn so e Riesebaby an Bord unn dóó quetscht der sich inn de klennschde Ecke“, lederte Werder über einen etwas gewichtigen Mitfahrer. Zu dessen Verteidigung sei gesagt, dass der bereitgestellte Reisebus nicht gerade durch Beinfreiheit glänzte. Zu engen Räumen komme ich später am Degerloch zurück.

Die Vengaboys – Partyband der 90er, größter Hit „Boom boom boom boom!!!“ (Foto: Marco Maas /Lizenz: CC BY 2.0)

„Dóó is normal nie e Stau, dóó brauche mer drei Stunne“, orakelte Werner am Beginn der magischen Reise. Das sollte sich auch über dreiviertel der Anfahrtsstrecke bewahrheiten. Im Bus ging es gewohnt unterschiedlich zu – während ich mich auf das Studium französischer Wochenzeitungen verlagerte, löste Kollegen „Bobbes“ neben mir Rechenaufgaben für das Studium. Nebenher hatte ein Teil der Busbesatzung – immernoch begeistert von den 90er Jahren, eine CD mit den Klassikern der Vengaboys mitgebracht, die während des zweiten Albumtracks stets den Geist aufgab. So hören wir mehrere Male den Kracher „Boom boom boom boom!!!“ bis die Frage im Bus aufkam, ob die Vengaboys nicht auch vor ein paar Jahren bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen seien. Das Gespräch über Flugfahrtkatastrophen und unnützes Popwissen riss Bobbes aus dem Mathematiker-Dasein: „Heit Òwend laaft da Baader-Meinhof-Komplex im Fernsehen, dóó is jo aach e Flugzeugabsturz.“ Geschichtsstudent ist er ja nicht.

Wir näherten uns der Ausfahrt Stuttgart-Degerloch und sahen uns plötzlich, nur noch zwei Stunden vom Kickoff entfernt, in einen Stau geraten. Werners hellseherische Fähigkeiten hatten sich nicht bestätigt. Aus den Boxen dröhnte „Boom boom boom boom!!!“ unbarmherzig, die Nervosität stieg an. Werner telefonierte mit anderen Bussen („Die sinn all hinner uns!“), kämpfte sich weiter vorwärts, opferte die eingeplante Pause im Sindelfinger Wald dem rechtzeitigen Ankommen. Dann plötzlich, eine Nachricht, die uns wieder beruhigen sollte: Der Anstoß findet eine Viertelstunde später als geplant statt. Es gibt also doch noch Leute mit Herz, irgendwo da draußen.

Nachdem sich ziemlich jeder zum Navigator aufschwang, kamen wir irgendwann mit doch noch deutlichem Zeitpuffer (Kommentar Werner: „Mir hätte die Verlegung jóó nitt gebraucht!“) unter dem Stuttgarter Fernsehturm an. Nach verlassen des Busses trat ein Security-Mann an mich heran und fragte: „Wer is dann bei Euch hier der Kappo?“ Ich war ratlos und ging erst einmal eine Karte kaufen, die mir ausdrücklich untersagte, das Stadion in VfB-Fankleidung zu betreten.

Die Sicht im Degerloch – „beschissen“ wäre noch ein Kompliment.

Innen war ich, zuvor nie im „Degerloch“, so der Name des GAZI-Stadions auf der Waldau, gewesen, mit engen Räumen und schlechter Sicht konfrontiert. Der eigentliche Spitzname – „Kaninchenstall“ – trifft es besser. Neben Fangnetzen, die einen das Gefühl vermittelten, Fußball durch ein Sieb zu schauen, war der Gästeblock auch noch so flach konstruiert, dass man von keiner Position aus wirklich das gesamte Spielfeld sehen konnte.

Ein gut gefüllter Block im Degerloch

Als dann irgendwann so ziemlich alle Saarbrücker, insgesamt zwischen 800 und 900, angekommen waren, ging es los. Der FCS vertraute auf die Elf, die schon den FCK gut eindämmen konnte, während beim VfB II die „jungen Wilden“ um Rani Khedira aufliefen. Von Beginn an zeigte sich der FCS zwar gewillt, das Spiel an sich zu reißen, konnte es aber nicht. Im Spielaufbau zeigten sich die Mittelfeldspieler ungenau im Passspiel und Stockfehlern. Bei den zwei gelungenen Torschüssen deutete sich bereits aber an, dass VfB-Keeper Odisseas Vlachodimos heute Probleme haben würde, Bälle festzuhalten. Der VfB II wartete einige Minuten, legte dann aber los wie eine Feuerwehr mit rotem Brustring und drängte den FCS weit zurück und erzwang eine Vielzahl an Eckbällen. Dass hier keiner mit einem Torerfolg für den VfB II endete, war fast ein Wunder, aber auch Folge einer verbesserten Deckungsarbeit bei Ecken. Zu Lasten möglicher Konter, da sich fast alle FCS-Akteure nach hinten verzogen.

Busfahrer Werner bei der Arbeit. Schwäbische Polizisten hatten seinen Bus blockiert.

Es ging mit einem durchaus schmeichelhaften 0:0 in die Pause. Nach dem Seitenwechsel setzte der unbarmherzige Regen über dem Degerloch ein und drängte die Menschen noch enger unter dem überdachten Teil des Gästeblocks zusammen, während einige Mutige, unter anderem die Nauwiesbande, dem Regen trotzten. Auf dem Platz schien es so, als würde der FCS mit den widrigen Bedingungen besser klarkommen und drängte nun Richtung VfB-Tor. Nach 55 Minuten prüfte Nicolas Jüllich Vlachodimos mit einem Fernschuss, welcher zwar mit Glanzparade abwehrt wurde, aber eben – das gehört auch auf den Lehrplan der Torhüterausbildung, genau bei Tim Kruse landete, der einfach nur noch zu Marcel Ziemer querlegen musste – 1:0 für den FCS!
In der Folge drehte Stuttgart wieder auf und kam zu einigen Chancen, beim FCS stellten sich nach der verletzungsbedingten Auswechslung von Ziemer die Offensivbemühungen ein – nur selten befreite sich Blau-Schwarz und konnte nach vorne spielen. Immerhin brachte Jürgen Lugingers Elf das knappe Ergebnis über die Zeit – was soll’s, der erste Auftaktsieg seit 2006/07 war dem FCS sicher.

Langsam sammelten sich die Feiernden auch wieder bei Werners Bus ein. Der Chauffeur selbst hatte bereits die von der Polizei aufgestellte Barriere beiseite geräumt – hier packt der Chef noch selbst an – und trommelte die Fahrer zusammen. Auf ging es zur nicht mehr ganz so magischen Rückfahrt – man hatte endlich eingesehen, dass die Vengaboys-Platte nicht wollte und Innwurf-Steffens Metal-Sampler selbst dem Kenner nicht wirklich als gut genug für diese Busfahrt galt. Mit einer Pinkelpause und ohne Staus ging es wieder wohlbehalten ins Saarland. Mit dem guten Gefühl, dass es solche Auswärtsfahrten sind, die uns den Spaß am Fußball erhalten.

Foto der Vengaboys: Marco Maas from Hamburg, Germany.

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7 Antworten zu Nächste Abfahrt Degerloch

  1. Nauwiesbande schreibt:

    “ Im Bus ging es gewohnt unterschiedlich zu – während ich mich auf das Studium französischer Wochenzeitungen verlagerte, löste Kollegen “Bobbes” neben mir Rechenaufgaben für das Studium.“

    Party-Bus ist da noch untertrieben – ihr zündet die Kerze wirklich an beiden Enden an!

    • Carsten schreibt:

      Dass sowas in Deinen Kopf auf keinen Fall reingeht, war mir schon beim Betrachten Deines schief sitzenden Baseballcaps klar.

  2. Wahre Worte Carsten. Selbst bei Lupa.de macht das reinschauen immer weniger Spass durch das „Permanent“ Stalking dieser Labertaschen Gang. Selber in NICHTS aber auch gar NICHTS den faulen Arsch hochkriegen aber jeden Kommentar der nicht in ihr „Selbstbeweihräucherung Schema“ passt bashen. Das ist wohl auch der Grund warum immer nur noch die selben bei Lupa.de schreiben (Lemminge). Sich ständig und das seit Jahren nur noch „Pro“ Scheiss Kommentare anhören zu müssen von ein paar „Dauer Trollen“ die selbst NIE ihre eigene Meinung über den FCS schreibenund dadurch PRAKTISCH nie angreifbar werden, weil man sie ansonsten sachlich auseinander nehmen könnte. Ja, das sind die Werkzeuge von Platzpatronen. Guckt man sich im Stadion dann mal diese Luschen an kann man es kaum glauben das solche Typen wirklich ernst genommen werden. Deshalb frage ich mal: Was hat denn dieser untersetzte und von kleiner Statur mit 1/3 Glatze Obertroll JCOCKER denn jemals produktives für den FCS bzw. sein Umfeld geleistet dass man ihn so künstlich hypte? Solchen Witzfiguren steht es nicht zu über Inhalte solcher Blogs o.ä Zusammenfassungen
    dann auch noch lustig zu machen.
    Aber der Faule war ja bekanntlich noch nie ein Dummer.
    PS: Der oben verfasste Bericht ist übrigens Spitze! 🙂

  3. Markus schreibt:

    Ein Saisonauftakt nach Maß. Klasse Bericht, danke dafür. Meine beiden Lieblingssätze:

    „Von Beginn an zeigte sich der FCS zwar gewillt, das Spiel an sich zu reißen, konnte es aber nicht.“

    „Mit dem guten Gefühl, dass es solche Auswärtsfahrten sind, die uns den Spaß am Fußball erhalten.“

    • Carsten schreibt:

      Danke. Am Ende hat der FCS ja sogar drei Punkte an sich gerissen, obwohl er vielleicht insgesamt nur 25 Minuten lang das Spiel bestimmt hat.

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