Wie an den Fans vorbeiverhandelt wurde

Der „Sicherheitsgipfel in Berlin“ hat einen Fankodex verabschiedet, der die jüngsten Entwicklungen im Deutschen Fußball verurteilt, sich vor allem gegen Pyrotechnik ausspricht und eigentlich aus vielen Gründen ein schlechter Witz ist.

Pyrotechnik im Ludwigspark im Jahre 2006

Da wäre zunächst einmal die Zusammensetzung dieser Konferenz. Neben dem Innenminister Friedrich (CSU), der sich selbst die Hauptrolle in dieser Inszenierung verlieh, nahmen Vertreter der Innenministerien der Länder und Vereinsvertreter der 54 Profivereine (Ausnahme: Union Berlin) an dieser Konferenz teil, die einen von den Fans zu akzeptierenden Kodex ausarbeiteten. Beteiligung von Fans? Fehlanzeige, selbst organisierte Verbände wie „Pro Fans“ oder andere, die sich durch ihr Engagement einen Platz am Konferenztisch als Vertreter der Fans verdient gehabt hätten, finden sich nicht in der Teilnehmerliste. Das macht aus dem Kodex ein aufgezwungenes, nicht von Fans selbst anerkanntes Schriftwerk, das zudem gegen Ende nicht mehr weiß, ob es mit seinem „Wir“ die Fans oder eben die Vereine und Strafen aussprechenden stellen meint: „Wir werden unsere Sanktionsmöglichkeiten gegen Störer, Randalierer und Gewalttäter konsequent ausschöpfen und umsetzen.“ – wer da mit „Wir“ gemeint ist, steht offensichtlich nicht im Fanblock.

Wo wir schon bei einer der Hauptfragen dieser Konferenz wären: Die Stehplätze bleiben, sind aber, so von unterschiedlichen Seiten bereits vernommen, längst nicht in Sicherheit, sondern werden bei weiteren „Gewalt-Exzessen“ wieder zur Disposition gestellt. Das mag einerseits logisch klingen, andererseits passt es zur Rolle als Faustpfand, die sie in der öffentlichen Debatte gespielt haben. Über Wochen wurde das mögliche Ende von Stehplätzen so hoch geschrieben, dass fast ein einseitig vom Innenministerium verabschiedetes Verbot zu erwarten gewesen wäre. Dazu kam es letztlich nicht, dafür wurde im Schnellverfahren und weit weniger beachtet eine höhere Überwachung im Stadion und eine Erhöhung der Höchstdauer von Stadionverboten von drei auf zehn Jahre durchgebracht. Das war letztlich der Preis für den Erhalt der Stehplätze – und dass bei diesem Handel die Fans die Verlierer sein werden, versteht sich von selbst, da die Stehplätze nur auf Zeit zurückerkauft wurden. Einige Quellen, wie die Rot-Schwarze Hilfe Nürnberg, sehen die Stehplätze dabei nicht nur angezählt, sondern bereits längst verloren und lediglich zum Schein noch einmal gerettet. Sollte sich dies bewahrheiten, brauchen Leute wie Wolfgang Niersbach nicht mehr öffentlich andere zum Rücktritt auffordern.

Die Vereine zählen diesmal nicht zu den Verlierern, da nicht etwa die Geldstrafen für Fanfehlverhalten erhöht wurden oder der von Schiedsrichterseite eingebrachte Vorschlag für Spielabbrüche beim Einsatz von Pyrotechnik ernsthaft Eingang in die Diskussion der geschlossenen Innenminister-Vereinsrunde fans. Letzteres will niemand ernsthaft, da im Fußball Millionen bewegt werden und Arbeitsplätze geschafft werden. Dafür gibt es für Vereine nun noch stärker als zuvor die Möglichkeit, sich gewisser Fans per Stadionverbot zu entledigen, sogar für einen schier unendlichen Zeitraum von zehn Jahren. Wer ein wenig die Praxis der Stadionverbote kennt, weiß, dass diese meist unausgereift und nicht einmal bei allen Vereinen für den Beschuldigten die Möglichkeit eines Anhörungsverfahrens beinhaltet. Stattdessen scheint der unausgesprochene Rechtsgrundsatz „Im Zweifel gegen den Angeklagten“ zu gelten und macht ein erfolgreiches Vorgehen gegen eben ungerechtfertigte Stadionverbote zu einem langwierigen und seltenen Prozess macht. Das erscheint mir, angesichts eines „Skandalspiels“, bei dem der verfrühte Platzsturm durch ein Missverständnis entstand, doch arg überzogen. Die Chance, eine deutschlandweit einheitliche Regelung der Praxis bei Stadionverboten einzuführen, die transparent und auch für den Angeklagten fair ist, wurde verpasst.

Bei aller berechtigter Kritik an Fangruppen, die es auch in den letzten Wochen gab, halte ich diesen Sicherheits-Kongress in dieser Form für eine Niederlage aller Fans. Mit der Scheindrohung eines Stehplatzverbots im Schnellverfahren und ohne Interessensverbände der betroffenen Gruppen eine Regelung getroffen, die es im Zukunft für aktive und engagierte Fans im Stadion noch einfacher machen wird, in die Falle zu tappen und seinen Platz im Stadion zu riskieren. Nicht nur „Ultras“ oder „Pyro-Zündler“ werden davon betroffen sein, sondern potenziell jeder, der in den Verdacht gerät, gegen Regeln verstoßen zu haben.

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