Fuppes des Tages: Aber bitte mit Hütchen

Ein Aufschrei geht durch Facebook-Deutschland. „Das iss ja wie in der Kirche!!! So macht EM definitiv gar keinen Spass!!!! Da kann ich auch zuhause kucken (sind die Getränke auch billiger!!!)“ oder „Wie homo ist das denn?“ lauteten die fachkundigen Urteile auf der Facebook-Seite der 11 Freunde heute, als ein Foto für helle Aufregung sorgte:

Oh wei, hatten sich da ein Kneipenbesitzer in Hamburg erdreistet, seine Kundschaft zu selektieren und auf das typische Fanmeilen-Publikum zu verzichten. Die typisch böse Hipster-Attitüde, die von der „Antideutschen“ gepflegt wird und dabei der urdeutschen Angewohnheit, anderen die Feierlaune zu verderben, entspricht. Dabei ist „Schwarz-Rot-Geil“ ja vor allem friedliches, tolerant Beieinander, Karneval im Sommer und Party pur.

Aber halt, eine Frage: Wo war der Sturm der Entrüstung, als der DFB und die Politik offen die Abschaffung der Stehplätze diskutierte? „Das iss ja wie in der Kirche!!!“ möchte man da schreien, aber der Aufstand des Partyvolkes blieb da aus. Stattdessen mussten sich Verteidiger dieser Faninteressen schnell gegen den Vorwurf verteidigen, Fußball-Chaoten zu sein, die das Privileg des Stehplatzes für das verbotene Zündeln von Pyrotechnik und Gewalt nutzen. Hier ist es nicht ein Wirt, der seinen Gästen in einer Kneipe Deutschlands ein gewisses Maß an Anstand abverlangt, sondern eine Lobby, die ein möglichst opportunes Zeitfenster gesucht und gefunden hat, um den unbequemen Fans, meist aus Reihen der Ultras, von den Stehplätzen und damit aus dem Stadion zu drängen. In ganz Deutschland.

Aber wenn Fußball „Spaß“ machen soll, braucht es nach Meinung der 2006 aufgetauchten Fangattung vor allem Schminke, Hütchen, Fänchen und Animation. Das sind alles Dinge, die für manche Menschen, mich eingeschlossen, so ziemlich egal sind, wenn es darum geht, „Spaß“ an Fußballspielen, auch bei dieser EM zu haben. In der Liga reicht mir der Stadionbesuch, das Mitfiebern am Liveticker, bei Turnieren das Mitfiebern vorm Fernseher, in der Kneipe, bei Freunden. Mir geht es vor allem um den Fußball (und in der Liga um meinen Verein), nicht um darum, aus irgendwelchen Gründen eine wirklich beliebige Party mit Menschen zu feiern, die womöglich eher wegen der Party als aufgrund des Fußballs neben einem stehen. Die Gemeinschaft dieser Menschen abzulehnen ist nichts Verwerfliches, sondern einfach etwas Gutes für beide Seiten: Der Fanmeilengeher hat seine Party mit Fußballhintergrund, die anderen Fußballfans ihren Spaß ohne Zwangsparty.

Die Kommentare zur wohlgemeinten Empfehlung des Wirtes entlarven die meisten Fanmeilenbesucher allerdings als das, was sie anderen meist vorwerfen: Intolerante Kleingeister. Jeder, der nicht ihrer eigenen Definition von Fußball-Leidenschaft folgt, besitzt keine, ist Spaßverderber, vielleicht sogar Fahnenabreißer. Letzteren sind die Fanmeilengeher näher, als beide Seiten es glauben würden: Anpassung durch Zwang, Druck, Beleidigung, psychischer Gewalt. Nein, so hoch will ich nicht hinaus: Es gibt Menschen, denen ist der Fasching zu jedem großen Turnier zuwider, die wollen einfach nur Spiele in angenehmer Atmosphäre sehen, ohne dass um sie herum Ballermann stattfindet. Für alle anderen gibt es Fanmeile, auch mit Hütchen.

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