EM: Le président

Als FCSBlogger sehe ich Welt- und Europameisterschaften immer als nette Zugaben und Vergnügen, denn als wirkliche Leidenschaft (abgesehen von gelegentlichem Panini-Wahn) an. Es fehlt mir schlicht der persönliche Bezug, der das Bloggen über den FCS leichtfertig und doch intensiv zugleich macht. Dennoch gibt es sie, die Geschichte mit persönlichem Bezug, die mich bei der Euro 2012 im Besonderen interessieren wird: Was macht Laurent Blanc?

Es war das Jahr 2010, das zum „Fiasko von Knysna“ im französischen Fußball führte. Das Ansehen der Nationalelf war beschädigt, die Verbandsfunktionäre traten reihenweise zurück und Trainer Raymond Domenech, dessen skurrilen Stil viele als Mitverursacher der französischen Krise ansahen, räumte, wie bereits vor der WM bekannt, seinen Posten für Laurent Blanc. Als Spieler „le président“ genannt, respektierter Welt- und Europameister, hatte er zu diesem Zeitpunkt erst eine Trainerstation vorzuweisen: Den FC Girondins de Bordeaux.

In der Stadt, in der ich seit einigen Monaten lebe, fand der als Trainer noch unerfahrene Blanc im Sommer 2007 eine Mannschaft vor, die zwar Potenzial besaß, in der Vorsaison national und international enttäuschte. „Le président“ sollte den FCGB bereits in der ersten Saison zum Vizetitel in der Meisterschaft führen und in der Saison 2008/09 gar die Dominanz von Olympique Lyon brechen: Erstmals seit acht Jahren stammte der französische Meister nicht aus der Region Rhône-Alpes, sondern aus Bordeaux. Aus dieser Zeit gingen Spieler hervor, die schnell der Verlockung des großen Geldes erliegen sollten: Marouane Chamakh zog es zum FC Arsenal, Gabriel Obertan zu Manchester United, den Superstard Yoann Gourcuff, den man zuvor aus Mailand weglotsen konnte, ging ironischerweise nach Lyon. Als letzter herausragender Spieler ging Alou Diarra zum Südrivalen nach Marseille. So plötzlich der Erfolg mit Blanc kam, so schnell verschwand er nach dessen Abgang wieder, auch wenn nach zwischenzeitlichen Abstiegssorgen in der kommenden Saison immerhin wieder Europa League im Stade Chaban-Delmas zu sehen ist.

Nun betreut „le président“ seit 2010 den angeschlagenen Patienten Frankreich und reagierte mit der höchst unüblichen Maßnahme, dass er alle Spieler des 2010er WM-Kaders in die Kollektiv-Strafe nahm: Zum Einstand nominierte er keinen der 23 „Versager von Südafrika“. Später sollte er die Schlüsselfiguren des Skandals, denen internes Mobbing nachgesagt wurde, wieder in die Mannschaft integrieren. Unter Blanc zählte wieder die sportliche Qualität und mannschaftsdienliches Verhalten anstelle von Astrologik und Lust und Laune bei Zusammenstellen des Kaders. So sortierten sich William Gallas (wechselte von Arsenal zu Tottenham), Jérémy Toulalan (derzeit beim FC Malaga) und Nicolas Anelka (wechselte nach China zu Shanghai Shenhua Liansheng) aufgrund ihrer Formschwäche nach 2010 aus Blancs EM-Kader. Dafür holte er Samir Nasri (Manchester City) und Karim Benzema (Real Madrid) zurück, die von Domenech ignoriert wurden.

Trotz holpriger EM-Qualifikation, bei der erst im letzten Spiel die direkte Turnierteilnahme gesichert wurde, hat der neue Kurs unter Blanc den Franzosen bereits mehrere Dinge zurückgegeben: Einen offensiv ausgerichteten Fußball (Domenechs Frankreich spielten eher zurückgezogen und vertraute auf starke Einzelspieler) mit bislang ungesehenen Rochaden im Angriff (für die Taktikanalytiker gibt es dazu mehr bei spielverlagerung.de) und die Hoffnung auf den ersten Titel seit 2000. Hier bleibt Blanc aber, so wie der frühere Präsident François Mitterrand, ganz zurückhaltend und setzt sein Pokerface auf. Das offiziell ausgegebene Ziel lautet Viertelfinale. Dies entspricht nicht so ganz der Erwartungshaltung der Medienöffentlichkeit und wird heftig diskutiert und wurde auch von den bissigen Guignols De L’Info karikiert.

Auch an anderen Orten gibt es Potenzial zur Kritik durch Presse und Fans. Er verzichtete für den EM-Kader auf die jungen Verteidiger Mapou Yanga-Mbiwa (vom frischgebackenen Meister Montpellier) und Mamadou Sakho (Paris Saint-Germain), denen hohe Ambitionen nachgesagt werden. Blanc Voreingenommenheit bei der Nominierung zu unterstellen ist dennoch falsch. Selbst wenn die Nominierung Cédric Carrassos (Bordeaux) als drittem Torhüter aufgrund seiner Nähe zum Trainer fragwürdig erscheint, wo es doch andere, vielleicht geeignetere Kandidaten gibt, erklärt sich dies durch seine wichtige interne Rolle im EM-Kader. Dass ein gutes Verhältnis zum Trainer nicht alleine reicht, zeigte auch die Nicht-Nominierung des ehemaligen Blanc-Protégés Gourcuff.

Am 11. Juni spielt Frankreich im ersten Gruppenspiel gegen England. In der starken Gruppe D heißen die weiteren Teilnehmer Schweden und Ukraine. Wenn sich die Abwehr stabilisiert und Frankreich den Erwartungen gerecht wird, könnte Blanc das „Fiasko von Knysna“ vergessen machen und seine eigene Zeit als Coach der „équipe tricolore“ verlängern – sein Vertrag läuft mit Ende des Turniers aus. Gönnen würde ich es dem ehemaligen Erfolgstrainer von Bordeaux.

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