Der Platzsturm – ein Ohnmachtsmittel

Mein erster Platzsturm war nach dem Aufstieg 2004. Der 1. FC Saarbrücken gewann dramatisch gegen den FC Schweinfurt 05. Kurz vor Abpfiff stürmten einige Fans aus den Blöcken in Richtung Spielfeld. Die Ursache damals, schon fast Folklore: Ein Zuschauer im Publikum betätigte eine mitgebrachte Trillerpfeife, der Stadionsprecher läutete den Aufstieg des Vereins zu früh ein und Ordner öffneten die Tore, in deren Richtung schon seit Minuten hunderte Fans drängten.

Der Platzsturm war damals so etwas wie ein heiliges Ritual. Nach dem Spiel gemeinsam mit den Spielern einen sportlichen Triumph feiern, Rasen aus dem Boden stechen und als Andenken mitnehmen, ein Stück Tornetz als Glücksbringer. Aus heutiger Sicht sicher eine schöne Erinnerung, allerdings war schon damals der verfrühte Platzsturm eine heikle Angelegenheit. Man hätte unnötig eine Strafe für den Verein, die ins Sportliche hineingeht (Punktabzug, Geisterspiel) riskieren können.

Dass dieses Ritual vom Verein aus Kosten- und Sicherheitsgründen nicht immer gewollt ist, versteht sich. In Nichtaufstiegsjahren verzichtete der Verein stets auf das Öffnen der Tore, verwies lieber auf die Bierstände im Stadion. Eine zu akzeptierende Entscheidung, da sie den Platzsturm in den rechten Rahmen rückt: Ein Ritual, das besonders sein soll, auf besondere Anlässe reduziert bleiben soll.

In jüngster Zeit ist der Platzsturm zu einem Machtinstrument geworden, zu einem Mittel, um bei drohendem Abstieg der Mannschaft „das Fürchten zu lehren“ und die sportlichen Versager der vermeintlich gerechten Strafe, sprich Angst und Prügel, zuzuführen und am besten auch noch die gegnerischen Fans, der Ersatzkontrahent, wenn es mal sportlich schlecht läuft, angreifen. Das produziert vor allem eines: Horror-Schlagzeilen über die Spiele in Karlsruhe (über 70 Verletzte), über das Relegationsspiel in Düsseldorf („Fußball-Skandal“). Das Ganze dann oft in Begleitung von Pyrotechnik, die unsachgemäß während des Spiels auf den Rasen gefeuert wird, meist als Vorbote des drohenden Platzsturms.

Dabei ist dieses vermeintliche Machtmittel vor allem eines – ein ziemlich dickes Eigentor für seine Urheber. Die Zuschauer, die Spiele an den Rand des Abbruchs drängen, sorgen erst einmal dafür, dass in der öffentlichen Wahrnehmung alle Fans gleichsam als Chaoten, Randalierer und Kriminelle wahrgenommen werden. Sie sorgen dafür, dass DFL, DFB, Innenminister und Polizeigewerkschaften anschaulich und für den normalen Medienkonsumenten vollkommen nachvollziehbar die Schrauben enger ziehen können – mehr Kontrollen, Diskussionen über die Abschaffung der Stehplätze, Geisterspiele und sportliche Strafen bis hin zum Startverbot in Wettbewerben. Aus der ersehnten Bestrafung der Mannschaft für ihr „Söldnertum“ und ihre schlechten Leistungen wird am Ende purer Masochismus – wenn man denn als Fan darauf steht, mit immer mehr Verboten konfrontiert zu werden und immer weniger öffentliche Akzeptanz zu erhalten.

Als zweite Ebene kommt hinzu, dass die Platzstürmer den Grundkonsens des Spiels verneinen – Fußball ist nunmal dazu da, zu gewinnen oder zu verlieren. Diese Regeln akzeptieren beide Mannschaften mit Betreten des Spielfeldes. Die Fans, der 12. Mann, sind dazu da, ihre Mannschaften im sportlichen Wettkampf würdevoll zu unterstützen und zu vertreten. Dazu gehört nicht, dass man alles auf die Karte des Spielabbruchs setzt, wenn man zu verlieren droht. Das ist so ehrenhaft, wie das Kind, das bei „Mensch ärgere dich nicht!“ das Spielbrett umwirft, wenn es keine Sechs würfelt.

Es ist schlicht und ergreifend keine Macht, die Ihr ausübt, Ihr Platzstürmer und Werfer von Pyrotechnik. Es ist ein kümmerlicher Beweis Eurer eigenen Unfähigkeit, die sportlichen Regeln eines Spiels, die Möglichkeit von Sieg oder Niederlage zu akzeptieren. Es macht Euch nicht zu Vertretern des „wahren Fußballs“, sondern zu seinen erbittertsten Feinden.

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5 Antworten zu Der Platzsturm – ein Ohnmachtsmittel

  1. Tom schreibt:

    Ich muß dir im großen und ganzen zustimmen!

  2. Michael Dreher schreibt:

    Das stimmt zu 100%.Es ist traurig und gefährlich,das wir uns auf so einem Weg befinden.

    • carstenbordeaux schreibt:

      Deswegen müsste erst einmal „intern“ und auf Fanebene eine gemeinsame Diskussion und Reaktion erfolgen, bevor man dem DFB noch mehr Gründe liefert, ein Stehplatzverbot zu beschließen.

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